KATHE KOLLWITZ

IM APRIL 2021 ERÖFFNET DAS MUSEUM DE REEDE EINEN NEUEN MUSEUMSANBAU MIT EINER AUSSTELLUNG ÜBER DAS GRAPHISCHE WERK DER DEUTSCHEN KÜNSTLERIN KÄTHE KOLLWITZ. MDR-FREIWILLIGER JAN HOLVOET SCHREIBT MONATLICH EINEN SPANNENDEN TEXT ÜBER DIESE FASZINIERENDE KÜNSTLERIN. BITTE WEITERLESEN!

KÄTHE KOLLWITZ SEPTEMBER

Der Name Käthe Kollwitz erweckt in Flandern nahezu sofort die Assoziation mit dem  „Trauernden Elternpaar“, dieser bekannten Skulpturengruppe auf dem Soldatenfriedhof von Vladslo. In Berlin hingegen wird man an erster Stelle an die „Pietà“  (Mutter mit totem Sohn) in  der Neuen Wache auf Unter den Linden  denken.

Am 12. September 1990 wurde der Vertrag zur Wiedervereinigung von Ost- und West-Deutschland unterzeichnet. Das wurde auf spektakuläre Weise deutlich gemacht durch den Abriss der Berliner Mauer, das Brandenburger Tor öffnete sich und  Unter den Linden wurde wieder zur Schlagader von Berlin. Drei Jahre später wurde 1993 wurde auf Unter den Linden die Neue Wache, in der sich die ostdeutschen Gedenkstätte für die Opfer von Faschismus und Militarismus befand, neu eingerichtet als Zentrale Gedenkstätte für die Opfer des Krieges und der Diktatur der Bundesrepublik Deutschland. Helmut Kohl ließ dort eine vergrößerte Nachbildung in Bronze  der „Pietà“ von Käthe Kollwitz  anbringen.

Dieser Beschluss wurde zum Thema einer heftigen politischen Kontroverse. Das Gebäude hatte allerdings eine große emotionale Bedeutung als Symbol des Königreichs Preußen; in der Weimarer Republik wurde es zur Gedenkstätte für die Opfer des Ersten Weltkriegs und im Zweiten Weltkrieg machten die Nazi das Gebäude dann zur Ehrenstätte für ihre Kriegshelden.

Käthe Kollwitz war in dieser Zeit in der westdeutschen Kunstwelt nicht sehr beliebt. Sie galt als erzkonservative Künstlerin und ihre Popularität wurde auf die Rezeption der Künstlerin als Persönlichkeit zurückgeführt. Ihr Pathos und ihre Empathie für proletarische Armut passte nicht länger zum ironischen und hedonistischen Weltbild des modernen deutschen Künstlers.

In Ostdeutschland hingegen wurde Kollwitz als nationale Heldin und Bugbild des sozialistischen Realismus instrumentalisiert. Und auch im Westen wurde ihr ikonischer Poster „Nie wieder Krieg“ häufig bei Demonstrationen von Links verwendet. 

Dass dieses Bugbild der linken Ideologie dann wiederverwendet wurde als Symbol der deutschen Wiedervereinigung und damit auch für den Untergang des kommunistischen Deutschland, war einfach schwer zu vermitteln.

Allerdings hatte Käthe Kollwitz, die vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs starb, gar keine Beziehungen zum Kommunismus. In ihren Tagebüchern sprach sie sich wiederholt für die politische Unabhängigkeit der Kunst aus und obwohl sie mitfühlend und pazifistisch war, war sie von Natur her konservativ, und zwar im Leben wie in der Kunst.

Wegen ihres unermüdlichen Einsatzes auf sozialem Gebiet, als Gattin eines Arztes im armen Arbeitermilieu von Berlin und wegen ihrer empathischen Kunst, war sie die Volksheldin im vornazistischen Deutschland.

Als Emblem für das wiedervereinte Deutschland hätte man es kaum besser treffen können!

 

Jan Holvoet

KÄTHE KOLLWITZ